Culmann-Texte

yellowba.gif (929 Byte)Technische Reisebeschreibung

England

Amerika

England

Reiseplanung

"In dem folgenden Abschnitt will ich nun alles zusammenfassen, was ich Interessantes zu sehen Gelegenheit hatte und zu keinem der früher behandelten Gegenstände paßte. Die chronologische Ordnung ist hierfür die einzig passende, und so entsteht von selbst eine Art Reisebeschreibung, bei der ich mich auf das rein Technische beschränken muß, weil mich das Skizziren und Ausarbeiten des Gesehenen so sehr beschäftigt hat, daß es vermessen von meiner Seite wäre, das Wenige, das ich in meinen Musestunden von den Sitten, Gebräuchen der Völker zu erhaschen im Stande war, auch nur als einen Beitrag den vielen trefflichen Reisebeschreibungen, die wir [2] über England und Amerika besitzen, an die Seite stellen zu wollen.
In London dürfte wohl die Civil Engineering Institution das nützlichste Institut für fremde Ingenieure sein. Er findet in diesem Verein, der Mitglieder in allen Theilen Englands zählt, eine sehr schöne, vielleicht die schönste technische Bibliothek, Karten, Pläne und Beschreibungen von allen Kunstbauten und endlich was für ihn am meisten Werth haben muß, äußerst freundliche Männer in dem

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Sekretair der Anstalt Herrn Manby und seinem Assistenten Herrn Forster, die mit größter Bereitwilligkeit einem auf die bemerkenswerthen Bauten aufmerksam machen, Auskunft über alles möglicher Weise noch Unklare ertheilen, die vortrefflichsten Reisepläne dem mit dem Land noch Unbekannten entworfen und ihn endlich noch mit einem Empfehlungsschreiben an alle Mitglieder versehen, das die Thore beinahe aller Werkstätten und Fabriken öffnet. Hier war es wo ich Gelegenheit hatte das technische England einigermaßen kennen zu lernen und zu studiren, und dank der Gefälligkeit der obengenannten Herren, trat ich ausgerüstet [3] mit den nothwendigen Notizen und Empfehlungen meine Reise ins Innere an."

Aus: Bertram Maurer: Karl Culmann und die graphische Statik. Diepholz u.a. 1998, S. 285

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Eisenwerke in der Nähe von Birmingham und der Rauch

"Auf der Eisenbahn von Glocester nach Birmingham befuhr ich bei Bromsgrove die schiefe Ebene (Lickey-incline) auf der mit Lokomotivenbetrieb jene günstigen Resultate erzielt wurden, die bei dem Bau der schiefen Ebene von Markt-Schorgast im Fichtelgebirge ebenfalls für den Betrieb mit Lokomotiven entschieden. /: Siehe die Beschreibung dieser schiefen Ebene Seite 145 Jahrgang 1851 :/
Schon längst hatte ich mich gefreut in der Umgegend von Birmingham jene großartigen Eisenwerke zu sehen, von deren Ergiebigkeit die ganze Welt voll ist und die ich mir noch größer und schöner eingerichtet vorstellte, als die Werke, die ich in Rheinhaussen und Belgien sah. Meine Erwartungen wurden aber in dieser Beziehung getäuscht, wie überall, wo sie überspannt sind. Ich bekam kein Werk zu sehen, das man z. B. dem von Seraing an die Seite stellen könnte, dagegen bekam ich mehr Kamine zu sehen, als ich je zu [6] gleicher Zeit gesehen habe, denn das Großartige liegt mehr in der Zahl, als in der Ausdehnung der einzelnen Kohle- und Eisenwerke.[...] Jede derartige Anstalt ist von dem unvermeidlichen Kamin begleitet, und die Hunderte Kamine, die man auf dem freien öden Felde draußen zählen kann, verbreiten einen Rauch, der die Sonne nur noch als eine matte gelbe Scheibe erscheinen läßt, die man ungeblendet anschauen darf. Allein nicht nur die Luft, sondern alles was man sieht, ist schwarz. Die Häuser und selbst die wenigen verdorrten Blätter, die man noch hie und da zu sehen bekommt, haben einen schwarzen Anstrich, und nach der Menge Rauch und Ruß zu urtheilen, die man verzehrt, muß [7] nicht nur das Aeußere, sondern auch das Innere der Bewohner dieser Gegend ganz schwarz sein. Deshalb darf man sie aber nicht für böse halten, im Gegentheil sie sind in der Regel recht gute Leute, die immer alles mit dem größten Vergnügen zeigen. Leider aber giebt es nicht viel Sehenswertes hier; die Massen Kohlen, die hier gefördert, Eisen, die erzeugt werden, sind es allein, die unsere Bewunderung in Anspruch nehmen.


Aus: Bertram Maurer: Karl Culmann und die graphische Statik. Diepholz u.a. 1998, S. 286f

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Eine Holzbrücke aus Eisen

"Bei Smethwick besuchte ich die Werkstätte Fox und Henderson´s [...]. Das Bemerkenswerteste daselbst für mich war, eine dort im Werkhof aufgeschlagene Längenhängwerk-Rippe aus Kesselblech von schweren collossalen Dimensionen, bei sehr kleiner Spannweite. Ich konnte nicht umhin, mein Befremden über diese eigenthümliche Construction auszudrücken und erfuhr nun, daß die vorliegenden Brückenträger ursprünglich in Holz projektirt worden waren, und Fox und Henderson sich erboten hatten, sie ebenso billig aus Eisen herzustellen, und daß dieses Angebot unter der Bedingung angenommen worden sei, die Dimensionen der hölzernen Träger beizubehalten, was nur bei Anwendung von hohlen Kesselblech-Balken möglich war. Da ohne Zweifel diese Balken einen Holzfarbanstrich erhalten werden, so zeigt sich hier die eigenthümliche Erscheinung, daß diese Engländer das dauerhaftere und festere Eisen für das schwächere, leichtere Holz ausgeben wollen. Bei uns kommt es oft vor, daß man Backsteine als Quader-Mauerwerk, oder hölzerne Bogensprengwerk-Brücken, als steinerne Brücken erscheinen lassen will; allein Stein oder Eisen für Holz ausgeben [9] zu wollen, kam noch nicht vor. Diese Erscheinung läßt sich nur dadurch erklären, daß das Aeußere aller Dinge mehr vom Luxus als vom Geschmack bestimmt wird. Wie oft muß nicht die schöne blaue Eisenfarbe dem Gelb des schimmernden theuren Goldes weichen, und weil Holz in England theurer als Eisen zu werden beginnt, bekommt dieses sogar eine Holzfarbe, als schämte man sich des guten soliden nützlichen Eisens.

Aus: Bertram Maurer: Karl Culmann und die graphische Statik. Diepholz u.a. 1998, S. 287

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